Presse / Press-Report

alle Übersetzungen mit Erlaubnis des Autors / all Translations with the author's permission:

Hans-Jürgen Gerung
Die Stimme der Instrumente und das Instrument der Stimme

Professor Andrea Bedetti

www.musicvoice.it

 

Einer der verschiedenen Punkte, die alte Musik mit zeitgenössischer Musik verbinden, ist die Tatsache, dass beide Genres den Gebrauch von Musikinstrumenten und menschlicher Stimme in einem unaufhörlichen und gegenseitigen Rollentausch sehen. Dies bedeutet, dass die zeitgenössische Musik, die sozusagen mit dem Post-Webernismus beginnt, die Beziehung zwischen Instrumentalmusik (insbesondere der Blasinstrumente) und Vokalmusik zunehmend als Ausdruck des [künstlerischen] Austauschs (und der gegenseitigen Erforschung / Substitution) betrachtet. Aus vokaler Sicht gesehen finden bevorzugt Streichinstrumente Verwendung, in Verbindung mit der menschlichen Stimme, da das Timbre sehr ähnlich ist. Diese wechselseitige Erforschung / Ersetzung nimmt in einem zeitgenössischen Schlüssel den Kontext der Nachahmung ein. Es sind dies  Techniken, die für die Entwicklung von der Antike bis zum Barock zwar grundlegend sind, aber im Vergleich zu unserer Zeit als Elemente der "Transmigration" zwischen Musikinstrumenten und Stimme (bzw. zwischen Stimme und Musikinstrument) aufgefasst werden müssen. Diese Migration hat in einigen Bereichen der zeitgenössischen Musik keinen exquisiten Klangfarbenwert, d.h. sie basiert auf der Tonwiedergabe und darauf, wie [und ob] ein Musikinstrument die Stimme ersetzen kann – oder umgekehrt. Ebenso kann der Wille sein, [einfach] eine Kontinuität in der künstlerischen Botschaft wahrzunehmen und  zu manifestieren. Die Botschaft kann auch eine  räumliche und zeitliche Erweiterung einer musikalischen Form sein. Oder sie kann einfach Instrumental- und Stimmklang verbinden [oder zusammenfügen] und so mitwirken, an der Realisierung einer wunderlichen, [und/oder künstlerisch gewollten]  und demnach herauszuarbeitenden Klang-Störung.

Unter den gegenwärtigen Komponisten, die sehr sensibel für diese Art des musikalischen Schaffens sind, ist sicherlich der deutschen Musiker Hans-Jürgen Gerung hervorzuheben, der seit mehreren Jahren [auf diesem Gebiet] arbeitet und der einerseits das Studium und die Auslotung der Gitarre auf all ihre möglichen Klangaspekte tief erforschte und andererseits aber genau den beschriebenen Übertragungsprozess Musikinstrument / Stimme durch eine Reihe von CD-Produktionen, die die allesamt bei Gerung-Arts & Music veröffentlicht wurden zum zentralen Thema machte.

In diesem Sinne sind die letzten beiden CD-Produktionen von Gerung, gelinde gesagt, beispielhaft: Die erste CD trägt den Titel Gegenüber und enthält drei Kompositionen (Bahubali, Der Wolf von Gubbio und Der Regenmacher) für Sprecher und zwei Celli, während die zweite CD den deutschen Akkordeonisten Valentin Metzger ins Zentrum rückt. Metzger interpretiert ein Triptychon von Liedbearbeitungen unter dem Titel Letzter Frost (hier in der Version für Akkordeon solo - es gibt auch eine Version, die für die Gitarre bestimmt ist).

Die erste Aufnahme basiert auf den Texten der deutschen Religionswissenschaftlerin Melanie Barbato, einer Spezialistin auf dem Gebiet des interreligiösen Dialogs, die drei verschiedene, religiöse Facetten in drei Momenten des Glaubens anspricht.  Zunächst die hinduistische Konzeption (Bahubali), dann der christliche Glaube (Der Wolf von Gubbio) und der taoistische Weg (Der Regenmacher). In allen Konzepten wird das Prinzip der Gewaltlosigkeit erhöht.  Neben der Studioaufnahme war dieses Werk auch bei der letzten Ausgabe des internationalen festivals forum für neue musik - oberstdorf vertreten, das im März dieses Jahres in der Pfarrkirche St. Johannes Baptist in Oberstdorf (Deutschland) stattfand.

Die Rezitationsstimme von Oliver Mannel wird von den Cellisten Dmitri Dichtiar & Pavel Serbin flankiert, die Barockcelli spielen. Die drei Stücke sind in jeweils sechs Teile unterteilt, die wiederum in je drei Rezitationen und drei Celloduos gespalten sind. So wird der Zuhörer direkter Zeuge beim Entwicklungs- und Transformationsprozess von Text zu Musik.

Der Wechsel zwischen dem Rezitieren der Stimme und der instrumentalen Entwicklung erinnert stark und symbolisch an die typische Ausdruckskraft eines Oratoriums. [Eine Kunstform,] in der ebenfalls spirituelle und künstlerische Energien in gleicher Stärke [und Präsenz] herausgearbeitet werden. Sowohl die menschliche Stimme als auch der instrumentale Klang können dies leisten. Auf diese Weise entsteht eine Art magisches, metaverbales und metaklangliches System, in dem die Dimension des rezitierten Textes einen Wert annimmt, der über das einfache sprachliche Verständnis und die Kommunikation hinausgeht. Es ist, als ob der Hörer in den phonemischen Ausdruck mit einbezogen werden könnte.  Aus dem Rhythmus der deutschen Sprache antworten die beiden Barockcelli – und sie verstärken den Klangumfang der menschlichen Stimme nicht nur sondern sie arbeiten mit dem erklärten Ziel, den Umfang des Logos sowie des Wortes, die lexikalische Konstruktion der Geschichte [sogar noch] zu erweitern, ja umzuwandeln.

Der Parabolismus wird wieder zu einem Echo, in dem das Verb weiterhin Musik ist und somit einen Wert verkörpert, der exquisit metatestual ist, der einlullt, friedlich stimmt und beruhigt.

Und das ist die wahre Bedeutung des [Werk-]Titels angesichts der Tatsache, dass der deutsche Begriff Gegenüber als Gegenstück übersetzt werden kann. Das heißt, dass sowohl die Textrezitation als auch die instrumentale Dimension sich unterscheiden, aber gleichzeitig untrennbar sind, zwei Hälften, zwei Teile, die eine einzige und unteilbare Einheit bilden.

 

Letzter Frost stammt aus dem Jahr 2017 und Gerung kreierte das Werk in zwei unabhängigen Versionen.  Eine für den finnischen Gitarristen Patrik Kleemola und die andere für den deutschen Akkordeonisten Valentin Metzger. Beide Fassungen wurden von den beiden Künstlern während der Ausgabe des internationalen festivals forum für neue musik – oberstdorf 2018 vorgestellt. Mit diesem Werk überschreitet der deutsche Komponist die formalen Grenzen einer bestimmten, durch einen Text und eine Partitur festgelegten Vertonung in dem er eine konzeptionelle Partitur erstellt, die dem Interpreten ein großes Investment an Kreativität und Erfindungsgabe abfordert. Dies bedeutet, dass Gerung den Spieler [geradezu] auffordert: ‘sei mehr nachschaffender Künstler und weniger Interpret!‘ – Basis für diesen Schaffensprozess sind drei alte Volkslieder finnischer Tradition: Aamulla varhain, Tule mun ystäväni rantahan und Kun lauttamme puomia heilutteli.

Und wenngleich Notizen der nordischen Volkstradition als Grundlage dienen, so ist es der Interpret selbst, der mit Hilfe [auch] seiner Stimme den Ausdrucksradius seines exekutiven Handelns erweitert. Hier also Klänge, Phoneme, Intonationen, die Valentin Metzger im Verlauf seiner instrumentalen Lektüre mit einem doppelten Ziel verbindet: Einerseits ist die Barriere zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Altem und Zeitgenössischem zu verewigen und [gleichzeitig] aufzuheben. [Er, Valentin,] wird Instrument im Instrument. Mit seiner Stimme, die zu einem Element wird, das mit dem Timbre des Akkordeons interagiert und die dem Kontext der Tradition die Unterbrechung des Jetzt, der "Zeitgenossenschaft" hinzufügt. Es ist die Stimme, die anpasst, was die Tradition übermittelt. Andererseits ist es (genau im Sinne der oben erwähnten Transmutation) die Bereitschaft des Komponisten, zu delegieren, um dem Interpreten die Möglichkeit zu geben, mit seiner eigenen Stimme [und Schaffenskraft] das zu erweitern, was Gerung momentan in der Partitur festgelegt hat. Und damit macht der Komponist Platz – schafft quasi ein unvollendetes Werk! von dem [andererseits] niemals gesagt werden kann, dass es vollendet ist. So wie der Klang, der niemals ein Ende haben kann (egal ob äußerlich oder innerlich). So wie die Natur, die auf diese Weise erhöht wird, nicht enden kann. Drei finnische Volksweisen, die der deutsche Komponist für Gitarre und Akkordeon adaptiert hat und die eine nicht mehr lineare, in Vergangenheit / Gegenwart / Zukunft unterbrochene, sondern eine zyklische Kontinuität entstehen lassen. Ein neuer Zeitbegriff (und parallel dazu ein neuer Klangbegriff) nicht an sich fixiert, sondern immer weiter fließend … undeutlich von den Klangfarben des Musikinstruments zu den Echos der Stimme desselben Interpreten / Komponisten.

In beiden Aufnahmen sind alle beteiligten Künstler Befürworter einer Interpretation, die den künstlerischen Erfordernissen vollkommen entspricht. Valentin Metzger spielt zweifellos den Löwenanteil, da er neben der Rolle des Interpreten auch die Autors erfüllt; es die Rolle des Künstlers, der auch Komponist ist, ohne um seiner selbst willen in die Falle eines extravertierten Verhaltens [oder besser: einer Persönlichkeitsstörung] zu tappen.

Schließlich ist auch die Tonaufnahme beider Aufnahmen gut und gekennzeichnet durch eine mehr als akzeptable Dynamik, die ein [räumliches] Erleben des Klangereignisses ermöglicht  (wie es z. B. auf der Bühne wäre). Interpreten und ihre Instrumente können ideal  rekonstruiert werden.

 

 

 

Andrea Bedetti

https://www.musicvoice.it/classical-music-time/recensioni-classical-music-time/6522/hans-jurgen-gerung-la-voce-degli-strumenti-e-lo-strumento-della-voce/

 

Hans-Jürgen Gerung – Gegenüber

Oliver Mannel (Rezitation) – Dmitri Dichtiar & Pavel Serbin (Barock Violoncelli)

CD Gerung-Arts&Music

 

Künstlerische Beurteilung: 4/5

Technische Beurteilung: 4/5

 

Hans-Jürgen Gerung – Letzter Frost (Version für Akkordeon)

Valentin Metzger (Akkordeon & Stimme)

CD Gerung-Arts&Music

 

Künstlerische Beurteilung: 5/5

Technische Beurteilung: 4/5

Hans-Jürgen Gerung

The voice of the instruments and the instrument of the voice

Professor Andrea Bedetti

www.musicvoice.it

 

One of the many points that connects ancient music to contemporary music is the fact that both genres see the use of musical instruments and the human voice in an incessant and mutual role reversal. This means that contemporary music, beginning with post-Webernism, increasingly considers the relationship between instrumental music (especially wind instruments) and vocal music as an expression of [artistic] exchange (and mutual exploration / substitution). From a vocal point of view, stringed instruments are preferred, in conjunction with the human voice, since the timbre is very similar. This reciprocal exploration / replacement takes the context of imitation in  the contemporary musiclanguage. These are techniques that are fundamental to the development from antiquity to the Baroque, but in comparison to our time they must be understood as elements of "transmigration" between musical instruments and voice (or between voice and musical instrument). This migration does not have an exquisite tone color value in some areas of contemporary music. This means, that it’s based on sound reproduction and how [and whether] a musical instrument can replace the voice - or vice versa. Likewise, the will may be [simply] to perceive and manifest continuity in the artistic message. The message can also be a spatial and temporal extension of a musical form. Or it can juist combine instrumental and vocal sound [or combine] and thus contribute to the realization of a whimsical, [and / or artistically intended] that has to be worked out.

Among the current composers, who are very sensitive to this kind of musical creation, is certainly the German musician Hans-Jürgen Gerung who has worked for several years [in this field]. Gerung studied and explored the guitar on all its possible aspects of sound and on the other hand he exactly worked with the above described process through a series of CD-productions, in which the central theme was the transfer from the musical instrument to the voice (and vive versa). All of these CDs were published by Gerung-Arts & Music.

In this sense, the last two CD productions by Gerung, to say the least, are exemplary: The first CD is titled Gegenüber and contains three compositions (Bahubali, The Wolf of Gubbio and The Rainmaker) for reciter and two cellos, while the second CD puts German accordionist Valentin Metzger at the center. Metzger interprets a triptych of song arrangements under the title Letzter Frost (here in the version for solo accordion - there is also a version that is intended for the guitar).

The first recording is based on the texts of the German religious scholar Dr. Melanie Barbato, a specialist in the field of interreligious dialogue, which addresses three different religious facets in three moments of faith. First the Hindu conception (Bahubali), then the Christian faith (Der Wolf von Gubbio) and the Taoist way (Der Regenmacher). In all concepts, the principle of non-violence is pointed out. In addition to the studio recording, this work was also premied at the last edition of the international festival forum of contemporary music - oberstdorf, which took place in March of this year in the parish church of St. Johannes Baptist in Oberstdorf (Germany).

The recitation by Oliver Mannel is flanked by the cellists Dmitri Dichtiar & Pavel Serbin, who play baroque cellos. The three pieces are divided into six parts, each of which is divided into three recitations and three cello duos. Thus, the listener becomes a direct witness to the development and transformation process from text to music.

The change between the recitation of the voice and the instrumental development strongly and symbolically reminds of the typical expressiveness of an oratorio. [An artistic form] in which also spiritual and artistic energies [and presence] are worked out with equal strength. Both, the human voice and the instrumental sound, can do this. In this way, a kind of magical, meta-verbal and metaclassic system emerges in which the dimension of the recited text assumes a value that goes beyond simple linguistic understanding and communication. It is, as if the listener could be involved in the phonemic expression. The two baroque cellos answer out from the rhythm of the German language - and they not only amplify the range of sound of the human voice, but they work with the stated goal of expanding the scope of the logos as well as of the word, the lexical construction of the story - they even go to convert it.

 

The parabolism becomes an echo again, in which the verb continues to be music and thus embodies a value that is exquisitely metatestual, lulls, peacefully attuned and calmed.

And that is the true meaning of the [composition-] title given the fact that the German term Gegenüber can be translated as Gegenstück (counterpart). This means that both, the textual recitation and the instrumental dimension are different - but at the same time inseparable, two halves, two parts, forming a single and indivisible unity.

Last Frost dates from 2017 and Gerung created the work in two independent versions. One for the Finnish guitarist Patrik Kleemola and the other for the German accordionist Valentin Metzger. Both versions were presented by the two artists during the edition of the international festival forum of contemporary music – oberstdorf, 2018. With this work, the German composer transcends the formal boundaries of a particular setting, defined by a text and a score, in which he creates a conceptual score that demands a great investment of creativity and ingenuity from the interpreter. This means that Gerung [almost] asks the player: 'be more recreational artist and less interpreter!' - basis for this creative process are three old folk songs of Finnish tradition: Aamulla varhain, Tule mun ystäväni rantahan and Kun lauttamme puomia heilutteli

And although notes of the Nordic popular tradition serve as a basis, it is the interpreter himself who, with the help of [his] voice, extends the range of expression of his executive action. Here are sounds, phonemes, intonations, which Valentin Metzger combines in the course of his instrumental reading with a twofold goal: On the one hand, the barrier between past and present, between the old and the contemporary, must be perpetuated and canceled out. [He, Valentin,] becomes instrument in the instrument. With his voice becoming an element that interacts with the timbre of the accordion, adding to the context of tradition the interruption of the now, the "contemporaneity". It is the voice that adapts what the tradition conveys. On the other hand, it is the composer's willingness (in the sense of the above-mentioned transmutation) to delegate, in order to give the interpreter the opportunity to expand with his own voice [and creative power] what Gerung has currently defined in the score. And with that the composer gives room - creates an unfinished work! - from which [on the other hand] it can never be said that it is completed. Like the sound that can never end (whether external or internal). Just as the nature, that is gloryficated in this way, cannot end. Three Finnish folk tunes, adapted by the German composer for guitar and accordion, which create to a no longer linear, in the past / present / future interrupted, but a cyclical continuity. A new concept of time (and at the same time a new concept of sound), not fixed in itself, but always flowing ... indistinct from the timbre of the musical instrument to the echoes of the voice of the same performer / composer.

In both recordings, all the participating artists are proponents of an interpretation that perfectly suits the artistic requirements. Undoubtedly, Valentin Metzger plays the hardest part, as he fulfills the author's role as well as the interpreter; it is the role of the artist, who is also a composer, without falling into the trap of an extraverted behavior [or rather, a disordered personality] for its own sake.

Finally, the sound recording of both recordings is good and characterized by a more than acceptable dynamics, which allows a [spatial] experience of the sound event (as it would be on stage, for example). Artists and their instruments can be ideally reconstructed.

 

Andrea Bedetti

 

https://www.musicvoice.it/classical-music-time/recensioni-classical-music-time/6522/hans-jurgen-gerung-la-voce-degli-strumenti-e-lo-strumento-della-voce/

 

Hans-Jürgen Gerung – Gegenüber

Oliver Mannel (reciter) – Dmitri Dichtiar & Pavel Serbin (Baroque Violoncelli)

CD Gerung-Arts&Music

 

Artistic assessment: 4/5

Technical assessment: 4/5

 

Hans-Jürgen Gerung – Letzter Frost (Version for accordion)

Valentin Metzger (Accordion & voice)

CD Gerung-Arts&Music

 

Artistic assessment: 5/5

Technical assessment: 4/5

 

Hommage an die mystische Körperlichkeit von Sylvano Bussotti

Professor Andrea Bedetti

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Die Figur des Sylvano Bussotti gilt aufgrund ihrer erstaunlichen Vielseitigkeit als eine der faszinierendsten und problematischsten der gesamten Musikgeschichte des späten zwanzigsten Jahrhunderts. Die Tatsache, neben einem der größten Musiker unserer Zeit, auch Maler, Dichter, Romancier, Theater- und Filmregisseur, Schauspieler, Sänger, Bühnenbildner und Kostümbildner zu sein, stellt sein Werk als titanisches Labyrinth dar, in dem man Gefahr läuft, sich zu verlieren oder besser gesagt schon verloren ist. Diese Tatsache zwingt den Kritiker und jeden, der sich seinen Werken nähert, vor ein Problem der Bewertung und Interpretation, da die sonst gültigen Gesetze der Hermeneutik[1] nicht anwendbar sind. Es ist also nicht riskant zu sagen, dass die Größe des Florentiner Künstlers in einer absoluten Bedeutung seiner Botschaft liegt, die jedoch immer schwer fasslich bleibt. Ein immerwährender Aal also, der allen archivarischen Versuchen, das Erschaffene ab und an zu inventarisieren gleichermaßen entflieht, wie er auch einem [künstlerischen] Prozess der Rekreation entgleitet.

Die musikalische Arbeit von Bussotti konzentriert sich genau auf diese künstlerische Sphäre, wobei darauf geachtet wird, die Türen offen zu halten, um andere Ideen, Konzepte und Vibrationen anderer Sphären zu betreten … und wieder zu verlassen. Genau diese offenen Türen bieten die Fähigkeit, verschiedene lexikalische Instanzen, verschiedene Sprachen, verschiedene, in vielen Formen gesetzte Idiome zu kommunizieren, (ein Vergleich mit der mathematischen Mengenlehre mag hier helfen) um ihr ästhetisches Manifest als einen der wenigen Siege des Menschen gegen den Fluch des Babylonischen Turmes  zu betrachten.  Und gerade diese besondere Fähigkeit Bussottis, allem Verschiedenen [durch seine Integrationskraft] in derartiger Fülle, gemeinsames Leben und gemeinsamen Körper zu verleihen, lebt weiter in [seinen] Studenten, [Mit]musikern, Bewunderern in jenen molekularen Zellen die man der bussottianische Vision zurechnet. 

 

Hier, als idealer Tribut an Maestro Bussotti, (der in den letzten Tagen seinen siebenundachtzigsten Geburtstag feiern durfte) ein [neues] Album, mit sechs Werken für Gitarre bzw. für Gitarre und Sprechstimme,  aufgenommen von dem deutschen Komponisten und Gitarristen Hans-Jürgen Gerung. Zwei der Arbeiten sind von Bussotti selbst, Ermafrodito und Ultima Rara, und die anderen vier entstammen der einzigartigen Vielfalt von Musikern aus dem [ehemaligen] Studenten[kreis] des Florentinischen Meisters, bzw. dem enthusiastischen [Zirkel] seiner Bewunderer. Mit Ausnahme der Komposition Ultima Rara, wurden alle Werke bei den [verschiedenen] Komponisten in Auftrag gegeben vom internationalen festival forum für neue musik – oberstdorf. Das Album beginnt mit der fünfteiligen Suite wanted, für Gitarre (Gitarre, klassische Gitarre, und E-Gitarre) von Luigi Esposito. Esposito darf eher als Mitarbeiter oder enger Freund, denn als Schülers Bussottis gelten. Und, nebenbei bemerkt - Esposito ist auch Autor einer jener Biographien,  denen es am ehesten gelang, der Figur Bussotti sehr nahe zu kommen. Espositos Schrift gelang dies, weil er Bussotti (im etymologischen Sinne) selbst zum Zeugen seiner [Lebens]handlungen berief. Danach folgt Declarative Belfry - fünf Variationen für Sologitarre über ein ursprünglich für Viola, Kontrabass und Gitarre geschriebenes Werk der japanischen Pianistin und Komponistin Mai Fukasawa. Mit den sieben Miniaturen Fantasmi nella Foresta – präsentiert Hans-Jürgen Gerung ein eigenes Werk für Gitarre allein und im Cigno Pesarese des japanischen Künstlers Hidehiko Hinohara arbeitet er über eine Partitur die ursprünglich für eine oder mehrere Klarinetten konzipiert war. Die Botschaft, die Gerung [mit] dem Album geben wollten, ist [sogleich] klar im Titel erkennbar – Der Bussotti-Kreis. Es ist der Kreis derer die [sich] erkennen in der bussottianischen Einzigartigkeit. Es ist die Idee der Zirkularität die, von einem Einzelnen gegründet, sich auf Andere/Einzelne bezieht, und die auch auf andere abstrahlt und sie beteiligt. Ein Spiegel also, der Einzigartigkeit und Autonomie garantieren kann. (Es ist ein [Album]Titel, der gleichzeitig auch an einen anderen ganz Großen aus dem Bereich der Poesie erinnert,  –  nämlich an den deutschen Barden Stefan George und an die strahlende Emanation[2] seines, aus Ministranten, Bewunderern und Nachfolgern bestehenden Kreises in Vision, Ästhetik und Poesie.)

Gerung nahm daher mit voller Kapazität die Form eines musikalischen Gastgebers an, schlug neue Seiten für sein Instrument auf, adaptierte für die Gitarre und sah sich als direkte Emanation der bussottianischen Konzeption. Und er gibt mit anderen [neuen] und verwandelten Klängen die allumfassende Klangidee des Florentiner Meisters an diesen zurück. Das eröffnende Stück des Albums, wanted von Luigi Esposito könnte als strittige "Stilübung" bezeichnet werden – als eine Art "Intavolatura-Blues" (der sofort Erinnerungen an den Sound der Doors von Jim Morrison hervorruft, und damit auch konsequenterweise an die Doors of Perception des Aldous Huxley. Beide hinterließen ja einen unauslöschlichen und [sonderbar] un-andächtigen Eindruck) in dem die drei verschiedenen Klangfarben der Gitarren zum Sinnbild werden für so viele "Ein- und Ausgangstüren". (Bussottis Musik, andererseits - kehren wir [für einen Augenblick] zurück zur Mengenlehre -  ist ein ununterbrochener Ablauf  von einem Seelen-, Klang-,  Rhythmus-  und Empfängniszustand  zum anderen). Die fünf Variationen von Declarative Belfry transformiert Gerung mit den Saiten [seiner] Gitarre dergestalt in eine akustische Skizze, dass diese mit ihren Klängen das Hören und den Verstand des Zuhörers festhält, - ein sich immer veränderndes Bild hinter einer falschen Trostlosigkeit verbergend. Auf einem ganz anderen Ankerpunkt der bussottianischen Lautpoesie ruhen die Fantasmi della Foresta; - nämlich auf dem Element der Erinnerung an die Kindheit (dies wird später noch in Ultima Rara erkennbar). Konkret sind es Erfahrungen und Erlebnisse des in Deutschland lebenden Gitarristen und Komponisten an einen Wald im Allgäu. Diese Erinnerungen nehmen die Konturen einer Vergangenheit an, die sich weigert, solche zu sein, um die Idee einer Gegenwart im Laufe der Zeit verewigen zu lassen. Erneut findet sich hier die Magie der "Passage", [oder] des "Überquerens", des Öffnens einer Tür, des Schließens einer anderen und umgekehrt. Il Cigno Pesarese ist ein Tribut an die Einzigartigkeit Rossinis. [Quasi] mittels einer Wiederbelebung werden durch Hidehiko Hinohara die theoretischen Positionen barocker Ästhetik aus der Affekten-Lehre transmutiert. Und diese verschiedenen Stimmungen werden in Lautsymbolen konzentriert und vermittelt und je nach Willen des Interpreten ausgeführt. Es [entstehen] Stücke eines Dominos in ständiger Evolution; [wie] eine Klang-DNA, die sich dem Ergebnis eines Würfelwurfes anpasst, der wiederum durch die Sensibilität eben jener Person geprägt ist, die den Klang [auch] selbst ausführt.

Und dann Bussotti selbst. Wenn es ein musikalisches Poster gibt das den Florentinischen Meister als konkretes Bild im Klang eines Instrumentes realisiert und sich biologisch auf eben die Figur des Sylvano Bussotti bezieht, so ist es die Komposition Ermafrodito, in Auftrag gegeben von Hans-Jürgen Gerung selbst. Es ist die Vorstellung einer Pangeschlechtlichkeit, die nicht nur auf die [historische] Bedeutung des Hermaphroditen Bezug nimmt, sondern auch auf den Mythos des Teiresias. Als Geschenk von Zeus wurde diesem die Möglichkeit gegeben, sowohl die Männlichkeit, als auch die Weiblichkeit zu erleben und zu erfahren – wobei dem Teiresias letztlich die Weiblichkeit als das Geschlecht seine Wahl erschien. Auf diese Weise wird die Gitarre aktives und passives Instrument. Sie wird Erzeugerin von Klängen und gleichzeitig Behältnis weiterer Töne (vor der Ausführung jedes der sieben Sätze, rezitiert Gerung jeden Satztitel den er sogleich ausführen wird - und materialisiert auf diese Weise die männliche Komponente, die sich dem Weiblichen, nämlich der Gitarre selbst, anschließt). Ermafrodito ist die Quintessenz der „mystischen Körperlichkeit“. Es ist genau diese Kunst, für die Bussotti einzigartig ist. Es ist die [Voraus]ahnung jenes Zustandes, in dem Sinnlichkeit und Leidenschaft für den Körper die eigene Seele erheben und [die Körperlichkeit] so in ein Motiv der Kreativität verwandeln. Bussotti ist ein Aleister Crowley, der nicht geliebt zu werden benötigt, der aber dennoch weiß, wie man liebt. Er ist derjenige, der physisch seine Kunst schafft, [gerade wie] ein neuer Faun in der Anlehnung an Mallarmé. Wer weiß wie man liebt, der lebt die Kunst in einem Alltag, der in eine stete Abfolge von Momenten aufgeteilt ist. Das sind zeitliche Fragmente an sich, die fähig sind, die von der westlichen Linearität gegebenen Muster zu durchbrechen. Und der Höhepunkt dieses Prozesses ist genau Ultima Rara. Ein wertvolles und unausweichliches Albumblatt, ausgelegt für eine einzelne Gitarre oder drei Gitarren, das (?) den Zyklus von verschiedenen Raras beschließt. (Rara fußt auf einem Akronym für „Romano Amidei Romano Amidei“ - Namen und Nachname eines der wichtigsten Begleiter im Leben Bussottis). Gerung umschließt mühelos mit einem Instrument die kompositorische Linie dreier Gitarren der Partitur und deren üppige Polyphonie. Die Sprechstimmen wurden kreisförmig mit einem Dolby-Surround-Effekt aufgenommen und dann der Gitarrenstimme überlagert. Um diesen Effekt vollständig zu genießen empfehle ich dringend das Werk über Kopfhörer zu hören. Nur wenige bussottianische Kompositionen, haben die Kraft, die präzise und aufregende Ästhetik des Florentiner Künstlers derart mit kontinuierlich wiederkehrenden Gefühls-Clustern zu fesseln [wie Ultima Rara].  Emotionen sind es, die die Schritte der Geschichte, einer Liebe mit Romano Amidei zeitlich materialisiert (die Stimme durchschreitet die Dimensionen von der Polarität des Leidens bis zur Lust), Eine Geschichte, die ein Kunstwerk wird. Es ist eine Fleischlichkeit, die unbestreitbar  mystischen Geschmack besitzt und jedes und alles umschließt. Die alles glättet und, quasi als letzte Warnung nur durch die mahnende Stimme unterbrochen wird: „und vergiss das nie!“. Das Werk formt unauslöschlich und grausamen tautologisch[3],  leidenschaftlich und sentimental alles, was in Expression ausgedrückt werden kann. [Es ist ein] „nicht mit dir, nicht ohne dich!“ - (dies zieht sich [übrigens] durch die gesamte Kunst von Bussotti, durch all seine Werke. Sein ständiger und erhebender Fortschritt war stets getrieben durch ein starkes Wollen – und er ist damit nie gescheitert.) Bussotti und sein „Kreis“ demonstrieren in diesem Album beispielhaft eine künstlerische Konzeption die sich dem übermenschlichen Unterfangen verschrieben hat, Dinge aufzuzeigen, die anders erscheinen als sie eigentlich sind. Und genau dies zwingt immer dazu, etwas zu begehren (was auch immer es sei) und es [gleichzeitig] abzulehnen - von Anfang an … egal von welcher Form und Substanz es ist. Wenn man darüber nachdenkt, kann dies das Herz der Kunst und ihrer Funktion sein.

Die Aufnahmen wurden mit einer sehr engen Mikrofonierung ausgeführt; diese gibt den Ton der Gitarre in all seiner Dynamik zurück und ermöglicht volle die Entfaltung der Obertöne. Alle Details sind präzise und reich  im Material und die Präsenz der Stimme stört, wenn sie erscheint, nicht die Ausgeglichenheit des Gesamtklanges.

Andrea Bedetti

http://www.musicvoice.it/classical-music-time/recensioni-classical-music-time/5224/tributo-alla-fisicita-mistica-di-sylvano-bussotti/

 

AA.VV. – Ultima Rara-The Bussotti Circle Contemporary Music for Guitar and Voice

Hans-Jürgen Gerung (chitarra e voce)

CD Gerung-Arts&Music

Giudizio artistico 5/5

Giudizio tecnico 4/5

 

 

[1] Hermeneutik = Auslegungslehre von Kunst(Musik)werken und/oder Texten

[2] Emanation = das Hervorgehen aller Dinge aus der unveränderlichen göttlichen Einheit (vgl. Neuplatoniker und Gnostiker)

[3] Tautologie = eine immer wahre Aussage, deren Wahrheitsgehalt nicht abhängt von der Richtigkeit ihrer einzelnen Bestandteile

 

Tribute to the mystical physicality of Sylvano Bussotti

Professor Andrea Bedetti

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The figure of Sylvano Bussotti is considered to be one of the most intriguing and problematic in the history of music in the late twentieth century due to its astounding versatility. The fact that he is also a painter, poet, novelist, theater and film director, actor, singer, stage-designer and costume-designer alongside one of the greatest musicians of our time, presents his work as a titanic labyrinth in which one runs the risk of losing himself or rather being already lost. This fact forces the critic and anyone approaching his works to a problem of evaluation and interpretation, since the otherwise valid laws of hermeneutics[1] are not applicable. So it is not risky to say that the size of the Florentine artist lies in the absolute meaning of his message, which, however, always remains elusive. A perpetual eel, therefore, that escapes all archival attempts to inventory the created, as well as it escapes an [artistic] process of recreation.

The musical work of Bussotti focuses precisely on this artistic sphere, being careful to keep the doors open to enter and leave other ideas, concepts and vibrations of other spheres. It is precisely these open doors that offer the ability to communicate different lexical instances, different languages, different idioms set in many forms, (a comparison with mathematical set theory may help here), their aesthetic declaration as one of man's few victories against the curse of the Babylonian tower. And it is precisely this special ability of Bussotti to lend all things [through his power of integration] in such fullness, common life and common body, to live on in [his] students, [co-]musicians, admirers and in those molecular cells, which attributed to the Bussottian vision.

Here, as an ideal tribute to Maestro Bussotti, (who was allowed to celebrate his eighty-seventh birthday in the last few days) a [new] album, with six works for guitar respectively for guitar and human voice, recorded by the German composer and guitarist Hans-Jürgen Gerung. Two of the works are by Bussotti himself, Ermafrodito and Ultima Rara, and the other four come from the unique variety of musicians from the [former] student [circle] of the Florentine master, or the enthusiastic [circle] of his admirers. With the exception of the composition Ultima Rara, all works were commissioned by the [different] composers through the international festival forum of contemporary music – oberstdorf. The album opens with the five-part suite wanted, for guitar (guitar, classical guitar, and electric guitar) by Luigi Esposito. Esposito may be considered as an employee or close friend rather than a student Bussottis. And, by the way - Esposito is also the author of one of those biographies that was most successful in getting very close to Bussotti. Esposito's text achieved this, because he asks Bussotti himself (in the etymological sense) to witness his own [life]. This is followed by Declarative Belfry - Five Variations for solo guitar on a work, originally written for viola, double bass and guitar by Japanese pianist and composer Mai Fukasawa. With the seven miniatures Fantasmi nella Foresta - Hans-Jürgen Gerung presents his own work for solo-guitar and in the Cigno Pesarese of the Japanese artist Hidehiko Hinohara he works on a score that was originally conceived for one or more clarinets. The message that Gerung wanted to give [with] the album is [immediately] clearly recognizable in the title - The Bussotti Circle. It is the circle of those who recognize themselves in the Bussottian uniqueness. It is the idea of circularity, which, founded by one individual, refers to others, and which also radiates and participates in others. A mirror that can guarantee uniqueness and autonomy. (It's an [album]title, which at the same time also commemorates another great poet, namely the German bard Stefan George and the radiant emanation of his circle of visionaries, admirers and followers in vision, aesthetics and poetry)

Gerung therefore took full-capacity form as a musical host, opened new pages for his instrument, adapted [works] for the guitar and saw himself as a direct emanation[2] of the Bussottian conception. And with other [new] and transformed sounds, he gives back the all-encompassing sound idea of the Florentine master. The opening track of the album, wanted by Luigi Esposito could be described as a controversial "style exercise" - as some kind of "Intavolatura-Blues" (which immediately evokes memories of the sound of the Doors by Jim Morrison, and consequently also to the Doors of Perception by Aldous Huxley. Both of whom left behind an indelible and uncharacteristically unimpressive impression) in which the three different timbres of the guitars become the symbol for so many entrance and exit Doors. (Bussotti's music, on the other hand - let us return to set theory for a moment - is an uninterrupted flow from one state of mind, sound, rhythm, and conception to another). The five variations of Declarative Belfry transformed by Gerung with the strings of [his] guitar into an acoustic sketch in such a way that it captures the listener's hearing and the mind with its sounds - hiding an ever-changing image behind a false desolation. The Fantasmi della Foresta rest on a completely different anchor-point of the Bussottian sound poetry; - on the Element of Memory of Childhood (this will be seen later in Ultima Rara). Specifically, this are experiences and adventures of the German guitarist and composer to a forest in the Allgäu (a region in South-Bavaria). These memories take on the contours of a past that refuses to exist in order to perpetuate the idea of a present over time. Again, there is the magic of "passage", [or] "crossing", opening a Door, closing another and vice versa. Il Cigno Pesarese is a tribute to the uniqueness of Rossini. By means of some kind of revival-technique, Hidehiko Hinohara transmutes the theoretical positions of baroque aesthetics from the Affekten-Lehre. And these different moods are concentrated in sound symbols and mediated and executed according to the will of the interpreter. There are pieces of a domino in constant evolution; [like] a sound DNA, that adapts to the result of a dice roll, whose impulse is characterized by the sensitivity of the very person who performs the sound itself.

And then Bussotti himself. If there is a musical poster that realizes the Florentine master as a concrete image in the sound of an instrument and that biologically refers exactely to the figure of Sylvano Bussotti, so it is the composition Ermafrodito, commissioned by Hans-Jürgen Gerung himself. It is the idea of a sexual gender not only referring to the [historical] meaning of the Hermaphrodite, but also to the myth of Tiresias. From Zeus, he was given the opportunity to experience both, masculinity and femininity. Finally, femininity appeared as the sex of choice for Teiresias. In this way, the guitar becomes an active and passive instrument - it becomes a producer of sounds and at the same time a receptacle of other pitches and notes (before performing each of the seven movements, Gerung recites every movement title he is going to perform and so he materializes the male component that joins the feminine, namely the guitar itself). Ermafrodito is the quintessence of "mystical corporeality". It is precisely this art for which Bussotti is unique. It is the forerunner of that state in which sensuality and passion for the body elevate one's soul and thus transform [corporeality] into a motive of creativity. Bussotti is an Aleister Crowley who does not need to be loved but who knows how to love. He is the one who physically creates his art, [just like] a new faun in the style of Mallarmé. Who knows how to love, lives the art in everyday life, which is divided into a continuous sequence of moments. These are temporal fragments capable of breaking the pattern, given by Western linearity. And the culmination of this process is precisely Ultima Rara. A valuable and inevitable album sheet, designed for a single guitar or three guitars that (?) concludes the cycle of various Rara-compositions. (Rara is based on an acronym for "Romano Amidei, Romano Amidei" - name and surname of one of the most important companions in Bussotti's life). Gerung effortlessly encloses the compositional line of three guitars of the score (and their lush polyphony) with only one instrument. The human-voices were recorded circularly with a Dolby-Surround effect and then superimposed on the guitar track. To fully enjoy this effect, I’d like strongly recommend listening to audio on headphones. Only a few Bussottian compositions have the power to capture the precise and exciting aesthetics of the Florentine artist in such a way with continuously recurring emotional clusters [like Ultima Rara]. [The work] is pure emotion, which temporally materializes the steps of the story, a love with Romano Amidei (the voice traverses the dimensions from the polarity of suffering to pleasure). A story that becomes a work of art. Carnality, which has indisputably mystical taste and encloses everything, that smoothes everything and is only interrupted, by a last shout by the admonishing voice: "and never forget this!". It forms indelible and cruel tautologically[3]. It is passionate and sentimental with everything that can be transformed in expression. [It is a] "not with you, not without you" - (this, by the way, runs through all of Bussotti's art, through all his works. His constant and uplifting progress has always been driven by a strong will - and he is never failed). Bussotti and his "circle" demonstrate in this album an example of an artistic conception dedicated to the superhuman endeavor to show things that appear different from what they actually are. And that's what always forces you to desire something (whatever it is) and reject it [at the same time] - from the beginning ... no matter what form and substance it is. When you think about it, it can be the heart of art and its function.

The recordings were done with a very tight microphone-technique. This gives back the timbre of the guitar in all its dynamics and allows full unfolding of the harmonic-pitches as well. All the details are precise and rich in its material. And the presence of the voice, when it appears, does not disturb the balance of the overall sound.

 

Andrea Bedetti

http://www.musicvoice.it/classical-music-time/recensioni-classical-music-time/5224/tributo-alla-fisicita-mistica-di-sylvano-bussotti/

 

 

AA.VV. – Ultima Rara-The Bussotti Circle Contemporary Music for Guitar and Voice

Hans-Jürgen Gerung (chitarra e voce)

CD Gerung-Arts&Music

Giudizio artistico 5/5

Giudizio tecnico 4/5

 

 

 

[1] Hermeneutik = Interpretation of art (music) works and / or texts

[2] Emanation = the emergence of all things from unchanging divine unity  (see Neoplatonists and Gnostics)          

[3] an always true statement whose truth does not depend on the correctness of its individual components

 

 

Luther, Bach, die Laute und die Gleichzeitigkeit

Professor Andrea Bedetti

www.musicvoice.it

 

Es wurde zu Recht festgestellt, dass Johann Sebastian Bachs Musik eine immense klangtheologische Konstruktion darstellt, und dies betrifft nicht nur den geistlichen, sondern auch den weltlichen Teil seines Œuvres. Ein Gesamtwerk, konzipiert, von der ersten bis zur letzten Note unter der Ägide einer übergeordneten Macht, eines Gottes, zu dem das höchste Genie Eisenachs [Bach] immer aufschaute und ihm unendliche Dankbarkeit dafür zeigte, dass es mit der Kunst des Klangs ausdrücken durfte, was es in seinem Herzen und in seinem Verstand fühlte. Nicht umsonst fügte der Kantor am Ende jeder Partitur den lateinischen Ausdruck Soli Deo Gloria oder "allein durch Gottes Herrlichkeit" hinzu, als wollte er sagen, dass alles, was er, Bach, schuf, nur ein einfaches Instrument war, mit dem er das Lied sang über die Allmacht des Herrn. Mit äußerster Demut gibt er [damit] zu bedenken, dass seine Kompositionen [eigentlich] eher aus esercizi, den "Übungen" also bestehen, (um sie nicht ausschließlich auf didaktische Art und Weise zu betrachten), denn aus den Mitteln, mit denen man versucht, die Idee und das Wesen des Höchsten auf relative Weise neu zu erschaffen.

Will man das Ausmaß und die Tiefe der „Klang-Theologie“ Bachs verstehen, ist die Begegnung mit  der Figur des Martin Luther, auf den der Kantor immer Bezug genommen hat, notwendig. Martin Luther, der Reformator der Christenheit, der zum sogenannten „evangelischen Christentum“ den Anstoß gab. Entsprechend der von der römischen Kirche lancierten Geschichte begann die Reformation offiziell am 31. 1517 Oktober mit der Veröffentlichung der weltberühmten fünfundneunzig Thesen gegen die Macht des Ablasses an der Tür der Wittenberger Schlosskirche. Historisch ist es viel wahrscheinlicher, dass dieses Dokument noch am selben Tag an viele Bischöfe versandt und erst zu einem späteren Zeitpunkt veröffentlicht wurde, um auf den Schweigevorhang der kirchlichen Autoritäten zu reagieren. Als guter Augustiner hatte Luther von Augustinus von Hippo das qui cantat, bis orat gelernt. Dies bedeutet "wer singt, betet zweimal" und verweist auf die Kraft von Musik und Gesang im geistlichen Gemeinschaftsleben. Ein Glaubensbekenntnis, dem sich Bach mit aller Kraft widmete und das idealerweise fortsetzte, was Martin Luther vor mehr als einem Jahrhundert begonnen hatte.

Daher darf beim Hören der Meisterwerke des gewaltigen Bach-Baues nicht vergessen werden, dass die Musik des Kantors als ideales Instrument zur Verbreitung der Größe Gottes aufgefasst wird, und dass die Musik selbst ein gewaltiger Kitt ist um ein Individuum in der Gemeinde zu verdichten, zu der es gehört, auch dank des Gesangs. Dieser, von der Lehre des Augustinus ausgehende  Gesang ist es, der sich bewundernswert in einen geistlichen Akt verwandelt, und von Luther in seinen Schriften und in seiner Reformation verewigt wird.

2017 war daher das Jahr, in dem der Beginn der protestantischen Reformation gefeiert wurde - fünf Jahrhunderte nach der Geburt dieser Bewegung, die keinen ausschließlich spirituellen und religiösen, sondern vor allem existenziellen und anthropologischen Wert hat. Und aus diesen Annahmen heraus hat der deutsche Komponist und Gitarrist Hans-Jürgen Gerung für sein eigenes Plattenlabel, die Gerung-Arts & Music, eine CD aufgenommen mit dem evokativen Titel Bach & Luther - Musik und Lyrik - Reformation 2017.

Neben [weltlichen] Bachwerken, darunter das Präludium BWV 999 und der Loure, (nach dem alten normannischen Dudelsack) BWV 1006a-2  stehen, der von Luther selbst verfasste Coral, Christ Lag in Todesbanden BWV 4/8, sowie Arbeiten andere Autoren. Zu nennen ist der u.a. Osterhymnus Victimae pascali laudes des Wipo von Burgund, der im elften Jahrhundert lebte, und der Pfingsthymnus Veni Creator Spiritus (ebenfalls von Martin Luther). Der deutsche Musiker interpretiert die Werke auf einer neuartigen Laute – dem sog. liuto forte (ein Saiteninstrument, das Ende des letzten Jahrtausends von dem Lautenisten André Burguete, dem Lautenbauer Prof. Günter Mark und dem Akustiker Benno Streu entwickelt wurde). [Daneben arbeitet Gerung mit einer Renaissance-Laute von Dieter Hense und einer 10-saitigen-Gitarre von Andreas Dill.]

Die Wahl von Hans-Jürgen Gerung, mit diesen Saiteninstrumenten nicht nur Lautenstücke, sondern auch große Choräle in der Reduktion aufzuführen (der deutsche Begriff ‚Einrichtung‘ beschreibt diesen Prozedere besser), ist [keinesfalls] willkürlich, sondern bezieht sich historisch auf den Willen Kantors selbst – hat dieser doch ebenfalls Passagen mit Hilfe eines [Lautenclavicembalos] einer Laute oder eines Spinetts vorbereitet und geschrieben. Und hierin liegt auch die Idee und der Wille, [und es ist auch der lutherischen Tradition eminent] einige Absätze aus einer der wichtigsten theologischen Schriften Martin Luthers, nämlich des Briefes Von der Freiheit eines Christenmenschen, (“La libertà del cristiano”) alternierend mit den [erwähnten] Musiken darzubieten. Luthers Text entstand 1520 als Antwort auf die  von Leo X. verfasste Bulle Exsurge Domine (erhebe dich, Herr), mit der der Papst drohte, [Luther], den ehemaligen Augustiner, zu exkommunizieren.

Gerade dieser Wechsel der doppelten Ausdrucksweise, Klang / Stimme, ermöglicht ein besseres Verständnis dessen, was zu Beginn gesagt wurde, nämlich wie die Deklamation des Liedes (und in diesem Fall der Musik) den selben Wert hat, wie das Gebet; hier dargestellt durch die Worte, mit denen Martin Luther [Gott] als "Mann Christi" anruft, seinen Glauben vollständig und frei zu manifestieren. Und es ist so, als ob Gerung uns verständlich machen würde, dass das Wort zu einem musikalischen Klang wurde (Luthers Gebrauch des Deutschen ist gleichbedeutend mit Goethes poetischem und Nietzsches philosophischem) – als ob das Timbre von Laute und Gitarre zu einer Art Verb [verschmelze], das in dem von Johannes dem Evangelisten gegebenen Sinne verstanden wird, d.h. zu einer [neuen] "starken Sprache", die die eigentliche Emanation des Göttlichen ist.

Und da gerade von "[Ton]-Sprache" die Rede ist: Hans-Jürgen Gerung hat auf einer weiteren CD, (ebenfalls für seine Plattenfirma produziert), sein Instrument par excellence, die Laute, eingesetzt, um sich mit einer Art von Tonsprache zu befassen, die, von tonalen Modalitäten ausgehend  zu exquisit zeitgenössischen Ausdrucksformen gereicht (nicht umsonst trägt die betreffende Platte den Titel Music for liuto forte - zeitgenössische Musik für moderne Laute). In dieser Aufnahme stellt der deutsche Komponist zwei verschiedene "Möglichkeiten" vor, diesem Instrument möglichst viele stilistische Ansätze abzugewinnen. Im ersten Teil mit dem Titel "Suite im alten Stil", liefert Gerung eine Komposition in der melodischen und harmonischen Tradition des 18. Jahrhunderts. Aufgeteilt in kanonische Abschnitte und barocke Tanzsätze (Preludio-Allemanda-Corrente-Sarabanda-Minuetto I & II-Giga) findet der oben beschriebene 10-saitigen liuto forte ein Spielfeld in dem er eine gänzlich andere Tonsprache anlegt wie im folgenden, zweiten Teil der Komposition. In den  Sechs Modi, oder "Sechs Wege", nimmt Gerung [zwar] die modale Sprache auf, die dem Aufkommen [seiner] Tonsprache vorausgeht (und zur Renaissance zurückreicht) und verbindet sie [mit Materialien und Techniken], die ausschließlich von der post-Webernianischen Sprache abgeleitet sind. Diese Kombination schafft eine kreative Dimension, die dazu führt, die Laute in jeder Komponente [neu] zu erleben. Die Obertöne des Instrumenten-Corpus in Verbindung mit der Perkussion des Griffbrettes erinnern teilweise an die von Helmut Lachenmann so geliebten Klang/Geräusch-Erforschungen [musique concrète instrumental]

Das Ergebnis ist eine bewundernswerte und faszinierende Zeitreise, durch die es Hans-Jürgen Gerung gelingt, als gemeinsamen Nenner zwischen Vorher und Nachher eine Art "Klangverb" hervorzuheben, das uns verständlich macht, wie die Kraft der Musik ist.  Gerung stellt die Musik an sich - und nicht in seiner Sprache,  als ein unausweichliches Element dar, mit dem der Mensch, ob alt oder neu, unbedingt rechnen muss, um sich selbst besser zu kennen. Musik ist eine Immanenz, die transzendent wird, scheint der deutsche Komponist und Interpret zu sagen, so wie es zuerst Luther und dann Bach durch ihre eigene Lehre und ihre eigene kreative Kunst gelehrt haben. Aus diesem Grund können und müssen diese beiden CDs gehört werden wie die Recherche nach einem Ausdruck, nach einer Vision. Gerung glaubt fest und ist zu Recht überzeugt, dass unsere Modernität und unsere Zeit nicht nur durch das bestimmt wird was uns direkt betrifft, [sondern auch das was einst war] als eine Art ideale Verfolgung angehört. Die Sphäre der Klangkunst muss aus der Antike, aus ihren Regeln, aus ihren "Wegen", aus ihren Begriffen schöpfen.

Die beiden Tonaufnahmen von Hans-Jürgen Gerung und Udo Keinert zeigen eine sehr gute und natürliche Dynamik und Mikrodynamik, die es erlauben, den Klang der verschiedenen Instrumente in einem echten Klangraum zu rekonstruieren. Auch die Tonbalance und das Detail sind nicht weniger gut.

 

Andrea Bedetti

 

AA.VV.

Bach & Luther – Music and Lyrics – Reformation 2017

Hans-Jürgen Gerung (chitarra & liuto)

CD Gerung-Arts&Music EDG017aL

Giudizio artistico 4/5

Giudizio tecnico 4/5

 

Hans-Jürgen Gerung –

Music for liuto forte – contemporary music for modern lute

Hans-Jürgen Gerung (liuto forte)

CD Gerung-Arts&Music EDG003L

Giudizio artistico 4/5

Giudizio tecnico 4/5

 

 

Luther, Bach, the lute and the simulaneity

Professor Andrea Bedetti

www.musicvoice.it

 

It was rightly stated that Johann Sebastian Bach's music is an immense sonic-theological construction, and this applies not only to the spiritual, but also the secular part of his oeuvre. A complete work, conceived from the first to the last note under the aegis of a higher power, a god, to which Eisenach's highest genius [Bach] always looked up and showed him infinite gratitude for having the capacity, expressing with its art of sound, what it felt in his heart and in his mind. Not in vain did the cantor at the end of each score add the Latin expression Soli Deo Gloria, or "by the glory of God alone," as if to say that all he created, Bach, was nothing, but a simple instrument with which he wrote the song, sang about the omnipotence of the Lord. With extreme humility, he [points out], that his compositions are actually not more than esercizi, the "exercises" (not to consider them exclusively in a didactic way), and not the material that would be necessary to recreate the idea and essence of the Supreme.

If one wants to understand the extent and depth of Bach's "Sound-Theology", the encounter with the figure of Martin Luther, to which the cantor has always referred, is necessary. Martin Luther, the Reformer of the community of the Christians, was the one who initiated the so-called "Protestant Christianity". According to the history launched by the Roman Church, the Reformation officially began on October 31, 1517, with the publication of the world-famous ninety-five theses against the power of indulgence at the door of the Wittenberg-Castle-Church. Historically, it is far more likely that this document was sent to many bishops the same day and was later published to respond to the silence of the church authorities. As a good Augustinian, Luther had learned from Augustine of Hippo the qui canta, bis orat. This means "who sings, prays twice" and refers to the power of music and song in the spiritual community life. A creed, to which Bach dedicated himself with all his might, continuing what Martin Luther had begun more than a century ago.

Therefore, while listening to the masterpieces of the mighty Bach-Building, it should not be forgotten, that the cantor's music is perceived as an ideal instrument for spreading the greatness of God, and that the music itself is a tremendous putty to condense an individual in the community which it belongs to - also thanks to the singing. It is this singing, inspired by the doctrine of Augustine that admirably transforms into a spiritual act, immortalized by Luther in his writings and in his Reformation.

2017 was therefore the year in which the beginning of the Protestant Reformation was celebrated - five centuries after the birth of this movement, which has no exclusively spiritual and religious, but above all, existential and anthropological value. And on the basis of these assumptions, the German composer and guitarist Hans-Jürgen Gerung has recorded a CD for his own record label, the Gerung-Arts & Music, with the evocative title Bach & Luther - Music and Lyrics - Reformation 2017.

Beside [secular] Bach works, among them the Prelude BWV 999 and the Loure, (after the old Norman bagpipe) BWV 1006a-2, the Coral, Christ lay in the bonds of death, BWV 4/8, written by Luther himself, as well as works by other authors. To name is, among others, the Easter hymn Victimae pascali laudes of the Wipo of Burgundy, who lived in the eleventh century, and the Pentecost hymn Veni Creator Spiritus (also by Martin Luther). The German musician [Gerung] iinterprets the works on a novel lute - the so-called liuto forte (a string instrument, developed at the end of the last millennium by the lutenist André Burguete, the luthier Prof. Günter Mark and by the acoustician Benno Streu). [In addition, Gerung works with a nine course Renaissance lute by Dieter Hense and a 10-string guitar by Andreas Dill.]

The choice of Hans-Jürgen Gerung to perform not only lute pieces but also large chorales in the reduction with these stringed instruments (the German term 'Einrichtung’ (arrangement) better describes this procedure) is [not] arbitrary, but historically refers to Kantor's will.  Bach has also prepared and written passages with the help of a [Lautenclavicembalo] of a lute or a spinet. And this is also the idea and the will [and it is also eminent the Lutheran tradition], to alternate some paragraphs from one of the most important theological writings of Martin Luther, namely the letter of the Freedom of a Christian man, ("La libertà del cristiano") with tthe [mentioned] music. Luther's text was written in 1520 in response to the bull Exsurge Domine (exalted, lord) written by Leo X. The pope threatened to excommunicate [Luther], the former Augustinian.

It is precisely this change of dual language, sound / voice, that allows a better understanding of what was said at the beginning, namely, how the declamation of the song (and in this case of music) has the same value as prayer; here represented by the words with which Martin Luther speaks [to God] as a "Man of Christ" that fully and freely manifests his faith. And it is as if Gerung would make us understand that the word became a musical sound (Luther's use of German is synonymous with Goethe's poetic and Nietzsche's philosophical) - as if the timbre of lute and guitar merge into a kind of verb ], which is understood in the sense given by John the Evangelist, ie to a [new] "strong language," which is the actual emanation of the divine.

Speaking of "[sonic]-language", Hans-Jürgen Gerung has used his instrument par excellence, the lute, on another CD (also produced for his record company) to create a kind of musical language that is spread from tonal modalities to contemporary forms (the CD not in vain carries the title Music for liuto forte - contemporary music for modern lute). In this recording, the German composer presents two different "possibilities" for gaining as many stylistic approaches as possible. In the first part titled "Suite in the Old Style", Gerung provides a composition in the melodic and harmonic tradition of the 18th century. Divided into canonical sections and baroque dance movements (Preludio-Allemanda-Corrente-Sarabanda-Minuetto I & II-Giga), the 10-string liuto forte (described above) finds a playing field, in which he applies a completely different musical language, as in the following, second part of the composition. In the Six Modes, or "Six Ways," Gerung takes up the modal language that precedes the emergence of [his] musical language (and goes back to the Renaissance) and connects it [with materials and techniques] exclusively taken from the post–Webernian-language. This combination creates a creative dimension that leads to experiencing the sounds in each component. The overtones of the instrument-corpus in connection with the percussion of the fingerboard are partly reminiscent of the sound / noise explorations so beloved by Helmut Lachenmann. [musique concrète instrumental]

The result is an admirable and fascinating journey through time, through which Hans-Jürgen Gerung succeeds, as a common denominator between before and after, in emphasizing a kind of "sound verb" that makes us ‘understand’, how the power of music is. Gerung presents the music itself - and not in its language - as an inescapable element, with which the human being, whether old or new, must necessarily reckon, in order to know himself better. Music is an immanence that becomes transcendent, as the German composer and interpreter seem to say, just as Luther and then Bach had first taught through their own teaching and their own creative art. For this reason, these two CDs can and must be heard as the search for an expression, for a vision. Gerung firmly believes - and is rightly convinced, that our modernity and our times are not determined solely by what concerns us directly, [but also by what once was] as a kind of ideal pursuit. The sphere of sound art must draw from the ancient world, from its rules, from its "ways", from its concepts.

The two sound recordings by Hans-Jürgen Gerung and Udo Keinert show a very good and natural dynamics and microdynamics, which allow to reconstruct the sound of the various instruments in a real sound space. Also, the tonal balance and the detail are no less good.

 

Andrea Bedetti

 

AA.VV.

Bach & Luther – Music and Lyrics – Reformation 2017

Hans-Jürgen Gerung (chitarra & liuto)

CD Gerung-Arts&Music EDG017aL

Giudizio artistico 4/5

Giudizio tecnico 4/5

 

Hans-Jürgen Gerung –

Music for liuto forte – contemporary music for modern lute

Hans-Jürgen Gerung (liuto forte)

CD Gerung-Arts&Music EDG003L

Giudizio artistico 4/5

Giudizio tecnico 4/5

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aktuell - current

Buchtipp /

recommended reading

 

Visionary Guitars
Chatting with Guitarists

 

Autor - Author:

Andrea Aguzzi

 

ISBN 978-1-326-58693-5

 

Das Buch ist in paper- oder e-book-Version erhältlich  und wird vertrieben über www.Lulu.com bzw. über alle anderen wichtigen Internet-Anbieter.

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The book is available in paper or e-book version and is distributed by www.Lulu.com or by all other major Internet providers.

 

Neuigkeiten

News

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KALTLand in den letzten Monaten entstand, in enger Zusammenarbeit mit dem Komponisten Helmut Oehring, der Filmzyklus KALTLand. Zahlreiche Grafiken von Hans-Jürgen Gerung visualisieren die Musik Oehrings in einem 8-teiligen Zyklus.

die einzelnen Filme tragen die Titel:

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COLDLand in the recent months, the film cycle COLDLand has been developed in dense collaboration with the composer Helmut Oehring. Numerous graphics by Hans-Jürgen Gerung visualize the music of Oehring in an 8-part cycle.

the individual films are titled:

BaumLand

SchneeLand

FruchtLand

WasserLand

MoorLand

KlammLand

TierLand

MenschenLand

 

Soeben ist Gerungs jüngste Komposition für Akkordeon Solo

letzter Frost

bei Jetelina Musikverlag

erschienen.

Das Werk existiert auch in einer

Version für Gitarre solo.

Siehe auch:

aktueller Gesamtkatalog 2020

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Just recently Gerung's latest composition for

accordion solo

letzter Frost (last frost)

has been released by Jetelina publishing house. The work also exists in a version for guitar solo. See also:

current general catalog 2020

 

Streaming & Download

Gerung-Arts&Music

 

Musik / Music:

- the tree

- Fraginesi

- Syria

- nell'eden non andrò

- Bach&Luther

- Musik für liuto forte

- Tombeau für Schubert

- 88-97

- eight tablets

- la commedia dell'arte

- Gesualdo & Gerung

- Bach - selected works

- Annabel Lee

- neuLand

- The Bussotti-Circle

- Tombeau für Arthur Lamka

 

upcoming releases

1une 2019

- last Frost -

  accordion version

will be released on 1th of June:

- Gegenüber - for two cellos

   and reciter

will be released on 15th of June:

 

Hörspiele / Radio plays:

- Das Aschenputtel

- Das Rumpelstilzchen

- Der Schuster und der Teufel

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